Dienstag, 28. Februar 2012

DemPoem No. 11
Teppich klopfen

Im Hof steht
eine Klopfstange

Komm
Trag mit mir
den Teppich hin

Nimm auch mit
Den Teppichklopfer

Wir klopfen den Teppich
Wir klopfen den Teppich

Dann nehmen wir
die Teppichbürste

Wir bürsten den Teppich
Wir bürsten den Teppich

Und reiben den Teppich
mit Schnee ein

Und bürsten
Und klopfen

Bis
der Teppich
wieder rein


© evelyne w.



lintschi liest

 

Sonntag, 26. Februar 2012

MemMini No. 05
Am Sonntag

Als ich ein Kind war

gab es nur am Sonntag Fleisch.
Den Sonntagsbraten.
Oder das Sonntagsschnitzel.

Machten wir einen Sonntagsausflug packten wir unser Sonntagsessen ein und nahmen es im Rucksack mit.

Das beste Gewand wurde für den Sonntag aufgespart.
Und nur zu ganz besonderen Anlässen trugen wir ebenfalls unser Sonntagskleid oder den Sonntagsanzug.

© evelyne w.

 

Samstag, 25. Februar 2012

Vom langen Leben

Selbstverständlich mache ich mir auch abseits von lyrischen oder Prosatexten Gedanken über die Demenz.

Lang leben wollen wir alle, aber nicht alt werden!

Es ist noch nicht so lange her, da zog sich die Demenz noch nicht in so großem Aufkommen durch unsere Gesellschaft. Die Menschen wurden einerseits nicht so alt und andererseits waren auch die gesellschaftlichen Strukturen ganz andere. Alte Menschen lebten viel mehr in ihrem Familienverbund. Von dieser Position aus wurde die Demenz nicht so offenkundig. Und vielleicht gingen die Angehörigen damals mit ihr auch geduldiger, bzw. selbstverständlicher um. Die Individualität des Einzelnen hatte noch einen größeren Stellenwert in der zwischenmenschlichen Kommunikation.

Ich habe schon seinerzeit in meinem Buch "Lerne.Selbst.Lieben" die verhängnisvollen Zusammenhänge der propagierten Ewige-Jugend-Gesellschaft aufgezeigt. Wir Menschen in der westlichen Welt werden als Wirtschaftsfaktor be- und gehandelt. Und haben deshalb ganz andere spezifische Probleme als z.B. die Menschen in der Dritten Welt.
Der Werbeslogan "Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut" ist bezeichnend für die Richtung aus der unsere Individualität über das kollektive Unbewusste gesteuert wird.

Demente Menschen sind kein Wirtschaftsfaktor. Man kann ihnen nichts mehr verkaufen!
Deshalb werden sie zu einer besonderen Randgruppe. Zu einer, die in der Öffentlichkeit keinerlei Rolle mehr spielt. Es gibt keine Werbung, keine Filme, keine Lobby, sie leben jenseits der Scheinwerfer und haben deshalb in der öffentlichen Meinung ebenfalls keinen "Wertfaktor".

Das größte Geschäft ist mit der Angst zu machen!
Menschen in Angst zu halten, dass sie nicht dazu gehören (wozu auch immer) ist die wirksamste Methode, sie zu Konsum zu nötigen.
Und am besten eignet sich etwas, das im Prinzip nicht erreicht werden kann. Ewige Jugend z.B.
Diese ist ein unerschöpflicher Born für Konsumzwang.

Sämtlichem Anflug von Alterserscheinungen werden riesige Geschäftszweige gegenübergestellt.
Ein unendliches Ersatzteillager an Körperersatz- oder Aufmotzteilen versucht dem Menschen vorzutäuschen, dass er sich vom Alterungsvorgang freikaufen kann.

Nun kann man aber den Alterungsprozessen des Körpers sozusagen mechanisch noch einiges entgegensetzen. Gegen die geistigen alterungsadäquaten Verfallserscheinungen jedoch gibt es keine Ersatzteile. Obwohl die gigantische Pharmaindustrie uns auch hier in den Konsumzwang gaukelt.

Es ist den meisten Menschen klar, dass im Alter die Haare grau werden, dass man die Zähne verliert, dass die Haut Falten bekommt und die Muskeln schlaffer werden. Dass auch manche Organe nicht mehr so klaglos arbeiten, sich die körperlichen Bedürfnisse ändern.
Doch dass die geistige Leistung ebenfalls einem Alterungsprozess ausgesetzt ist und sich auch die geistigen Bedürfnisse ändern, das wollen Viele nicht wahrnehmen. Es wird versucht, die natürliche Alterung bereits in eine Krankheit umzuwandeln.

Alter wird von uns heute sofort gleichgestellt mit Krankheit und/oder Demenz.
Und beides passt natürlich in kein Zeitgeistkleid.

Selbstverständlich ist es noch ein gewaltiger Unterschied von der altersbedingten Vergesslichkeit zur Demenzerkrankung.
Aber durch diese krampfhaften Verschleierungsversuche der eher harmlosen Alterserscheinung gelangen wir dynamisch in den Sog, mit der Demenz nicht umgehen zu können. Weil wir nie lernen, uns auf altersentsprechende Situationen einzulassen, ihre positiven Seiten für uns zu entdecken.

Der Fortschritt brachte uns auch eine durchschnittlich längere Lebenszeit.
Der Alterungsprozess bekommt deshalb auch andere Dimensionen. Wir können uns wohl länger an Jahren "jung" erhalten, aber auch die Jahre des Alters haben sich vermehrt. Deshalb treten die altersbedingten Erscheinungen selbstverständlich auch langfristiger auf und sind durch die zunehmende Zahl länger lebender Menschen vermehrt präsent.

Und unser Gemeinschaftsleben hat sich ebenfalls enorm gewandelt. Bei uns ist es heute fast nicht mehr möglich, die Familien über Generationen zusammen zu halten.
Wir leben in einer ganz anderen Gesellschaftsstruktur. Kleine Familienzellen in Zwei- oder Dreizimmerwohnungen. Frauen und Männer berufstätig. Oder kosmopolitsch aufgeteilt.

Bei uns ist es wichtig, dass es Pflegeeinrichtungen gibt.
Weil man einige Personen eines Haushalt oft nicht unbeaufsichtigt lassen kann. Seien es Kinder, aber oft auch die alten Menschen.

Es wäre ja auch besser, wenn die Kinder im Familienverbund aufwüchsen und nicht im Kindergarten und in der Ganztagsschule erzogen würden.
Aber heute gibt es schon ein Pflichtkindergartenalter! Weil die Kinder in den Wirtschaftsprozess eingegliedert werden müssen.

Also kommen die Kinder aus dem Haus und die Alten auch.

Aber für die Kinder gibt es Programme - denn die haben "Wert" -, für die demenzkranken Alten nicht. Die Alten sind nur als "graue Panther" etwas wert, weil da sind sie ein Wirtschaftsfaktor, da kann man ihnen Jugendwahn verkaufen.

Aber - was will man einem demenzkranken alten Menschen verkaufen?

Ihn erreicht keine Werbung, kein Meinungsbilder, kein Zeitgeistflüsterer.
Eigentlich ein paradiesischer Zustand ...

 

Donnerstag, 23. Februar 2012

DemPoem No. 10
Kaffee

Die Kaffeemühle
zwischen den Knien
So mahle ich meinen Kaffee
Und ich drehe die Kurbel
Rundherum
Rundherum

Der Wassertopf
steht auf dem Herd
Wartet auf den Kaffee
Und ich drehe die Kurbel
Rundherum
Rundherum

In meine Nase
steigt der Duft
von frisch gemahlenem Kaffee
Und ich drehe die Kurbel
Rundherum
Rundherum

Habe ich keinen Kaffee
Nehme ich Feigenkaffee

Und die Kurbel
steht still

© evelyne w.



lintschi liest

 

Mittwoch, 22. Februar 2012

MemMini No. 04
Schifferl versenken

Als ich ein Kind war ...

spielten wir "Schifferl versenken".
Auf kariertem Papier setzten wir unsere Schiffe in die kleinen Kästchen.
Streng geheim. Schützend legten wir die Arme vor unsere Flotte.
Bei jedem Treffer gab es ein großes Hallo.
Die Papierbögen wurden auf beiden Seiten genutzt.
Und hatten wir kein kariertes Papier, dann zeichneten wir die Karos selber.

Manchmal weinten wir, wenn ein Anderer gewann.
Kinder können oft noch nicht so gut verlieren ...

© evelyne w.

 

Donnerstag, 16. Februar 2012

Wichtig!

wichtig

 

Mittwoch, 15. Februar 2012

DemPoem No. 09
Regenbogen

Regen fällt
Sonne scheint
Es steigt ein
Regenbogen
In den Himmel

Blätter tropfen
Wege glänzen
Es steigt ein
Regenbogen
In den Himmel

Wolken tanzen
Winde streicheln
Es steigt ein
Regenbogen
In den Himmel

Ich geh' spazieren
Und dabei steige ich
Auf dem Regenbogen
In den Himmel

© evelyne w.

lintschi liest

 

Sonntag, 12. Februar 2012

MemMini No. 03
Locken

Als ich ein Kind war ...

flochten die Frauen ihr Haar zu Zöpfen.
Legten sich Kränze um den Kopf.
Haare lösen, Haare bürsten schenkte Augenblicke um durchzuatmen.

Später wurden Locken modern. Kurze Locken, lange Locken.
Aber öfter als einmal im Jahr
reichte das Geld meistens nicht für den Friseur.
Zum Dauerwellen wellen.
Deshalb schliefen die Frauen so manche Nacht auf Lockenwicklern. Aus Metall!
Denn Trockenhauben gab es nur beim Friseur. Einmal im Jahr.

Doch wollten sie schön sein. Zwischen Arbeit und Sorgen.
Wollten das Glück anlocken. Mit ihren Locken.

© evelyne w.

 

Freitag, 10. Februar 2012

DemPoem No. 08
Wichtig!

Du bist wichtig!
Dass es dich gibt

Es ist wichtig
dass man dich liebt

Es ist wichtig
dich anzusehen

Ist so wichtig
dich zu verstehen

Dann
ist es schön
dass es dich gibt

Ist es schön
wenn man dich liebt

Ist so schön
dich zu sehen

Es ist wichtig
dich zu verstehen

© evelyne w.

lintschi liest

Dieses Gedicht wird meiner Lesung auch den Namen geben:
"Es ist wichtig, dich zu verstehen"

 

Donnerstag, 9. Februar 2012

MemMini No. 02
Schürzenkinder

Als ich ein Kind war ...

trugen wir Schürzen.
Die Kleider mussten geschont werden. Manche hatten nur eines.
Ich trug Kleiderschürzen mit Rüschen an den Armen.
Andere trugen Latzschürzen mit großen Schleifen auf dem Rücken.

Alle Mädchen fanden sie lästig
und freuten sich, wenn es ihnen gelang,
einmal ohne Schürze zu entwischen.

schuerzenkind

 

Mittwoch, 8. Februar 2012

DemPoem No. 07
Deine Arbeit


Arbeit
macht das Leben süß

Und
Ohne Fleiß
kein Preis

Du
hast viel gearbeitet

Denn
Ohne Fleiß kein Preis

Wir wollten essen
Wollten trinken

Ohne Fleiß
kein Preis

Du
hast dafür gearbeitet

Damit wir essen
Damit wir trinken

Ohne deinen Fleiß
kein Preis

© evelyne w.


deine arbeit - audio

 

Dienstag, 7. Februar 2012

Die Idee - Ergänzung

Immer wieder werde ich darauf angesprochen, dass einerseits so viele Wiederholungen in den Gedichten sind. Knapper wär besser, meinen Viele. Andererseits sind die Geschichten so nett, aber da könnte man noch viel mehr hineinpacken.
Es "fehlt" den Lesern so manches. Und meine Autorenkollegen hätten viele gute Ideen zur Ausschmückung.

Ich glaube, hier zeigt sich ein wesentlicher Punkt, warum so viele Menschen Probleme mit Demenzkranken haben. Weil sie immer von der eigenen Warte ausgehen.
Auch hier noch immer, obwohl ich versucht habe, mein Projekt und seine Zielgruppe so gut als möglich zu erklären.

Umso länger diese Geschichten dauern, umso mehr beschrieben wird, umso weniger können die Dementen folgen! Sie hören ja nicht zu, in diesem Sinn. Also die Geschichte, die erzählt wird, ist dabei unerheblich.
Es geht um Worte, Begriffe, die etwas in den Hörern auslösen. Aber eben immer nur vereinzelte Worte. Dieses Wort löst einen Ablauf in ihnen aus. Aber es nützt nix, einen Ablauf zu beschreiben. Sie haben ihre eigenen Abläufe dafür.
Das ist ja die Schwierigkeit dabei, Demente zu verstehen ... wichtiger Bestandteil jedes Validationsprogramms.

Wie schon oft ganz deutlich geschrieben, ist es für mich sehr wichtig, dass Demenzkranke nicht wieder zu Kindern gemacht werden. Und gerade hier liegt ein wesentlicher Unterscheidungspunkt. Der für das Verständnis so unbedingt wichtig ist:

Kinder müssen erst lernen. Man kann ihnen etwas erzählen, das sie noch nicht kennen oder so noch nicht kennen, sie nehmen ihre Fantasie und bauen sich ein Filmchen. Umso mehr man erzählt, umso mehr können sie vielleicht dazu basteln. Sie lernen aus dem, was ihnen erzählt wird und aus ihrer Fantasie.

Bei Dementen gibt es keine Fantasie, sondern Erinnerung. Eigene Erinnerung!
Sie basteln keinen Film aus dem, was man ihnen erzählt, sondern aus dem was sie in sich finden.

Deshalb hat es keinen Sinn, ihnen Abläufe vorgeben zu wollen, Sie verwirren diese Menschen nur.

Begriffe müssen abgerufen und angesprochen werden und es muss ihnen Zeit gegeben werden, diese auch wirklich in sich zu finden und zuzuordnen. Umso mehr man darum baut, umso weniger können sie diese wichtigen Worte finden ...

Es ist also kein Regress ins Kinderstadium, sondern eine Entwicklung, die aus ihren Lebenserinnerungen abgerufen wird! Selbst wenn sie sich vermehrt an ihre Kindheit erinnern, dann ist der Prozess aber ihrem Alter und ihrer Krankheit entsprechend und nicht dem Kinderstadium! Deshalb muss man mit diesen Menschen anders umgehen als mit Kindern, darf sie nicht zurückstufen, und dadurch herabwürdigen!

Und unter diesen Gesichtspunkten schreibe ich diese Texte.

Ich wiederhole, nicht weil mir nichts anderes einfällt und ich schmücke meine Geschichten auch nicht deshalb nicht aus, weil mir die Fantasie fehlt oder ich keinen größeren Wortschatz habe, sondern weil dies das Besondere an diesen Texten sein muss. Sonst könnte ich ja auch einfach nette Kurzgeschichten aus früheren Zeiten oder Kurzlyrik mit Erinnerungspotential verfassen.

Feedback zu diesen Texten ist ausdrücklich erwünscht! Und gerne auch Kritik! Aber bitte die vorgenannten Punkte dabei zu berücksichtigen, Kürzungen in den Gedichten oder Ausschmücken der Geschichten anzuregen, sind kein hilfreicher Kritikpunkt.

Danke!

 

Montag, 6. Februar 2012

MemMini No. 01
Fernsehen

Als ich ein Kind war ...

gab es noch kein Fernsehen.

Erst später kamen die großen Kisten, aus denen Bilder liefen.
Schwarz-weiß.
Hübsche Damen, die das Programm ansagten. Es gab nur eines.
Das Bild war oft schlecht.
Wir liefen mit der Antenne, der Libelle, im ganzen Zimmer herum.
Die Nachbarn kamen. Zu uns. Weil sie noch keinen Fernseher hatten.
Wir aßen Popcorn und salzige Erdnüsse.
Um Mitternacht war alles vorbei.
Die Bundeshymne erklang und dann
gab es nur noch graues Rauschen.

© evelyne w.

 

Sonntag, 5. Februar 2012

Die Idee - MemMini

Bei der geistigen Vorbereitung einer Lesung bin ich auf eine weitere Facette gestoßen. Es gibt in diesem Hörerkreis Menschen in unterschiedlichen Stadien der Demenz.
Man darf also nicht alle auf das fortgeschrittenste Stadium reduzieren. Es muss auch für die anderen etwas angeboten werden.
Die weiter fortgeschrittenen Personen werden dabei einerseits einfach als Anwesende integriert. Können aber vielleicht sogar ebenfalls noch mit dem Vortrag, oder einzelnen Erinnerungsworten angesprochen werden.

Deshalb werde ich meine Dementia-Poetry-Serie um eine Sparte erweitern:
Die Memory-Miniaturen = MemMinis.

Es handelt sich dabei um kurze einfache Prosatexte, die sich mit Erinnerungen aus längerfristig zurückliegenden Situationen beschäftigen.
Um den Bogen besser vom Vortragenden zum Hörer schaffen zu können, wähle ich als perspektivischen Eingangssatz:
"Als ich ein Kind war ..."

 

DemPoem No. 06
Waschtag ist!

Und auch heute eine kleine Hilfestellung: Waschrumpel


Waschtag ist!


In der Waschküche
dampft es warm
Im Kessel kocht
die Wäsche

Wir gießen sie
in den Waschtrog
Und krempeln uns
die Ärmel hoch

Und wir waschen
und reiben
die Wäsche im Waschtrog

Was nicht gekocht wird
muss gerumpelt werden
Dafür nehmen wir
die Waschrumpel

Und wir waschen
und rumpeln
die Wäsche im Waschtrog

Dann holen wir
die Kinder rein
und stellen sie
in den Waschtrog

Und wir waschen
und baden
die Kinder im Waschtrog

Und dann
auch noch uns


© evelyne w.

waschtag ist - audio

 

Donnerstag, 2. Februar 2012

DemPoem No. 05
Die Pendeluhr

An der Wand
hing meine Pendeluhr
und schwang die Zeit

Hin und Her. Her und Hin.

Zu jeder Stunde
sang meine Pendeluhr
das gleiche Lied

Ding Dong. Ding Dong.

Von jedem Tag
kann meine Pendeluhr
erzählen. Vom

Hin und Her. Her und Hin

Ding Dong. Ding Dong.
Ding Dong.

© evelyne w.

die pendeluhr - audio

 

DemPoem No. 04
Grenadier-marsch

Diesmal was eher Regionales.
Zum besseren Verstehen zwei Wikipedia-Links:
Grenadiermarsch und Grammeln


Grenadiermarsch

Restl
Essen
Restl
Essen

Grenadier
Marsch
Marsch

Knödel
Restln
Fleckerl
Restln

Grenadier
Marsch
Marsch

Wurst
Restln
Grammel
Restln

Grenadier
Marsch
Marsch

Restln
Schmeckn
Restln
Schmecken

Grenadier
Marsch
Marsch

© evelyne w.

 

lintschi liest

 

DemPoem No. 03
Im Tanzsaal

Walzer tanz
Walzer tanz

Rechts herum
Links herum

Ich dreh mich
Du drehst dich

Rechts herum
Links herum

Hübsches Kleid
Schöne Zeit

Ich dreh mich
Du drehst dich

Rechts herum
Links herum

Walzer tanz
Walzer tanz

© evelyne w.

 

lintschi liest

 

DemPoem No. 02
Mein Kind

Ein Kind für mich
Ein Sohn
Eine Tochter

Mein Kind bist du
Mein Sohn
Meine Tochter

Kein Kind bin ich
Für dich Sohn
Für dich Tochter

Bleib Mutter dir
Sohn
Bleib Mutter dir
Tochter

Bleib Vater dir
Sohn
Bleib Vater dir
Tochter

Mein Kind bleibst du
Mein Sohn
Meine Tochter

© evelyne w.

 

lintschi liest

 

DemPoem No. 01
Weiße Weihnachten

Der Schnee fällt
ganz weich
Der Schnee fällt
ganz sacht

Der Schnee
macht alles weiß
Schneeweiß!
Welche Pracht

Schneeflockentanz
im Kreis
Zum Schnee
die Sonne lacht

Das Christkind
lächelt leis
Im Glanz
der Weißen Weihnacht

© evelyne w.

 

lintschi liest

 

Mittwoch, 1. Februar 2012

Die Idee - DemPoem

Am Beginn stand die Einladung.
Die Einladung eines Pflegeheims, eine Lesung vor an Demenz erkrankten Menschen zu halten. Demenz in einem doch recht weit fortgeschrittenen Stadium.
Zuerst war ich erschrocken. Nicht wegen der Lesung an sich, sondern ich dachte - WAS kann ich dort lesen? Meine Texte eignen sich dafür nicht.

Die Betreuer meinten, darauf käme es nicht so sehr an, es wäre wichtig, WIE.

Bei den Adventveranstaltungen, die ich dann besuchte, beobachtete ich genau. Die meisten der gut 20 Personen saßen dabei und schauten mehr oder weniger interessiert auf die Bewegung, die dort ablief. Den Wechsel der Pfleger, die ihre Texte vortrugen. Ihren Worten konnten sie offensichtlich nicht folgen.
Die Musik kam gut an und - die Gebete! Denn die erkannten offensichtlich alle noch. Und viele konnten auch noch Teile davon mitsprechen.

Ich erkannte, die Veranstaltungen waren liebevoll ausgerichtet, schienen mir jedoch nicht auf die Hörer abgestimmt.

Und plötzlich drängte eine Idee in mir hoch.
Es gibt Gedichte für Kleinstkinder, deren Bewusstsein ebenfalls noch nicht begriffsorientiert ist. Sondern Klang, Rhythmus und Emotion beim Vortrag den Zugang zu ihnen schaffen.

Wieso gab es so etwas eigentlich nicht für jene Menschen, die am anderen Ende des Astes saßen?

Ich wehre mich absolut gegen die oftmals vertretene Ansicht, alte Menschen würden wieder zu Kindern. Das ist einfach nicht so. Und nimmt diesen Menschen die Würde, die ihnen meines Erachtens, nach einem erlebten Dasein zusteht.
Alte Menschen werden zu alten Menschen und zu sonst gar nix. Und es kann passieren, dass alte Menschen bestimmte Fähigkeiten, die sie im Laufe ihres Lebens erworben haben, aufgrund von Krankheiten wieder verlieren. Das ist eben so. Und nichts anderes!

Das zu akzeptieren fällt vielen Menschen schwer. Weil sie ihre eigene Angst vor einem solchen abhängigen Zustand damit verdrängen wollen.
Doch liegt es nicht gerade an uns, diesen Menschen ihre Abhängigkeit in Würde zu gestalten? Sie zu gleichwertigen Partnern zu machen? Indem wir unsere bewusst steuerbaren Handlungen dafür verwenden, uns auf ihre Augenhöhe zu begeben, um sie zu erreichen.

Kinder müssen nun einmal von den Erwachsenen lernen. Das ist der Weg, den die Entwicklung nimmt. Aber alte Menschen müssen nicht mehr lernen, Sie müssen mit dem leben, das ihnen zur Verfügung steht, weil sie nicht mehr lernen können.
Die Anerkenntnis dieser Konstellation müsste einen gesunden, mitfühlenden Menschen dazu auffordern, Hilfe auf dieser Ebene anzubieten und nicht auf der Ebene der Besserwisserei.

Gibt es deshalb keine Gedichte für Demenzkranke?
Weil Lyriker ihre Kunst nicht auf diese Augenhöhe absenken wollen?
Weil Wortdrechselei und Sprachgewalt, sowie die Dichte eines schicksalsträchtigen Inhalts viel mehr Möglichkeiten bieten, den Intellekt oder den Gefühlsausdruck eines Autors zu bewundern? Wir nicht für Menschen schreiben, sondern für Anerkennung unserer vermeintlichen Genialität?
Finden wir Schreiber alte und kranke Menschen unserer Kunst nicht würdig?
Oder fehlt uns das Können, ohne den Schutzschild des Sprachschatzes Emotion ausdrücken zu können?

Und es reifte der Entschluss in mir, diese Anregung zu verfolgen.
Die Reduktion erschien mir plötzlich verheißungsvoll zuzuwinken. Hier zeigte sich eine enorme schreiberische Herausforderung, dachte ich. Denn ich wollte keine therapeutischen Texte schreiben. Sondern Gedichte.

Ich stellte mir ein handwerkliches Grundgerüst auf.
Es geht mir darum, dass diese Menschen nicht so leicht mit Sätzen zu erreichen sind. Da sie auch oft Begriffe nicht mehr richtig zuordnen, kann man also nicht über den Inhalt an sie heran.

Es ist wichtig, in ihnen etwas zum Klingen zu bringen. Sei es durch einzelne Worte, die Erinnerung hervorrufen oder Schwingungen in ihnen auslösen. Durch Klang oder Rhythmus, oder Intensität der Wiederholung.
Ein Sing-Sang wäre gut, aber natürlich möchte ich nicht LaLeLu oder Tralala verwenden.

Also denke ich, die richtigen Ingredienzien wären

• Einzelne bekannte Begriffe aus dem Alltag
• nach Möglichkeit aus einem Alltag vor vielen Jahrzehnten
• Wiederholungen
• Klangbilder
• Auch sollte viel Raum bleiben, um den Hörern Zeit zu geben, die Worte anzunehmen, sie zuzuordnen, um sie dann in der Wiederholung wieder zu erkennen
• Der Inhalt sollte sich auf jeden Fall auf ein Erwachsenenleben beziehen
• Die Texte sollten so einfach vorzulesen sein, dass sie jeder vortragen kann - vornehmlich Angehörige. Einfach einen Rhythmus ergeben, um sich dem Hörer widmen zu können, nicht dem Vortrag.

Für eine öffentliche Lesung gab es natürlich noch besondere Punkte zu beachten.
• Nicht von einem Standort aus lesen, sondern auf die Leute einzeln zugehen, sie direkt ansprechen
• Blickkontakt suchen
• Eventuell mit Bewegungen oder auch Gegenständen unterstützen

Ja, und nun will ich einmal schauen, was aus meiner Idee wird. Werde ein bisschen herumexperimentieren.

Und - bin für Anregungen sehr dankbar!

Wenn jemand eine Idee hat für Begriffe, die ansprechen könnten, oder auch, wenn noch etwas wichtig erscheint, um verständlicher zu werden.
Oder auch wenn jemand einen Link weiß, wo es doch Texte für Demenzkranke gibt. Vielleicht habe ich ja nur nicht gut genug gesucht ...

Da würde ich mich sehr darüber freuen und danke schon im voraus dafür!